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Wie schreibt man eine Quelleninterpretation?



05 Apr Wie schreibt man eine Quelleninterpretation?

Die Quelleninterpretation ist der Grundstein einer jeden historischen Arbeit. Entsprechend sollte sie mit viel Sorgfalt, aber auch der Bereitschaft, verschiedene Blickwinkel einzunehmen, angegangen werden. Der folgende Artikel erläutert, worauf es zu achten gilt.

Die Grundlagen bei der Bachelorarbeit und Masterarbeit

Die Grundlage einer jeden Quelleninterpretation in der Bachelorarbeit oder Masterarbeit sollten eine sorgfältige Quellenbeschreibung sowie eine Quellenkritik sein. Gerade von Studierenden werden diese beiden gern vernachlässigt, da sie auf den ersten Blick wie ein eine langweilige Zusammenfassung trockener Fakten erscheinen. Dabei ist eben jene Faktenbetrachtung maßgebliche für die Art und Weise, in der die weitere Quelleninterpretation erfolgen kann.

 Quellenbeschreibung

Die Quellenbeschreibung beschränkt sich zunächst darauf, das wiederzugeben, was der Autor mit den Augen, gegebenenfalls auch den Ohren sowie dem Tastsinn, wahrnehmen kann. Es stellen sich hier Fragen nach der Beschaffenheit der Quelle sowie dem erhaltenen Zustand. Eine liederlich hingeschmierte Notiz z.B. hat für den Verfasser sicherlich eine andere Bedeutung als ein sauber verfasster Brief.

Studierende, die in den seltensten Fällen mit echtem Archivmaterial arbeiten, sind in der Quellenbeschreibung häufig etwas eingeschränkt. Deutlich öfter begegnet man bei der Bachelorarbeit und Masterarbeit dagegen sogenannten „editierten Quellen“, also z.B. einer Zusammenstellung mehrerer Briefe in einem Sammelband. Meist sind derartige Quellenbände aber mit hilfreichen Kommentaren versehen, die Hinweise auf den Ursprungszustand einer Quelle geben.

Auch speziell bei der Arbeit mit nicht-schriftlichen Quellen ist eine sorgsame Quellenbeschreibung wichtig. Wer z.B. Fernsehbeiträge analysieren möchte, für den zählen im Besonderen deren grafische und akustische Gestaltung. Man sollte daher im Rahmen der Quellenbeschreibung nach dem „wie“ fragen: Z.B. bei einem Fernsehbeitrag wie sieht das Fernsehstudio aus? Oder auch: Wie sind die Moderatoren gekleidet?

Als Autor sollte man sich nach Möglichkeit stets um eine exakte Beschreibung bemühen. Dabei muss man von der Annahme ausgehen, dass der Leser die Quelle selbst nicht kennt. Er ist daher allein auf die Wiedergabe durch den Verfasser angewiesen, um sich in das Thema einfinden zu können.

Äußere Quellenkritik

Aufbauend auf die Quellbeschreibung erfolgt die Quellenkritik. Sie unterteilt sich in eine „äußere“ sowie eine „innere“ Quellenkritik. Die äußere Kritik bezieht sich dabei auf die Rahmenbedingungen der Quelle, also die Fragen: Wann entstand die Quelle? Wer war ihr Verfasser? Für welchen Zweck wurde sie verfasst und für welchen Kreis von Adressaten?

Bei dieser Betrachtung spielt insbesondere die Art der Quelle eine große Rolle: Quellen, die bewusst für einen großen Leserkreis produziert wurden, z.B. Zeitungsartikel, sind anders zu lesen als geheime Tagebücher oder Briefe zwischen Liebenden. Hierbei unterscheiden Historiker zwischen den sogenannten „Überresten“ und den „Traditionsquellen“ (Eggert 2010: 24-44). Detaillierte Erläuterungen zu diesen Quellentypen geben die Hinweise der Technischen Universität Darmstadt.

Weiterhin gilt zu klären, in welcher zeitlichen Nähe eine Quelle zu einem historischen Ereignis stand und ob es sich damit um eine „Primär-“ oder eine „Sekundärquelle“ handelt. Primärquellen sind in aller Regel das direkte Produkt jener Zeit, die für den Forschenden von Interesse ist (z.B. Tagebücher). Sekundärquellen hingegen blicken meist aus einigem zeitlichen Abstand auf ein Ereignis zurück (z.B. Memoiren) (Brandt 2007: 48-64).

Innere Quellenkritik

Die innere Quellenkritik dient derweil zur Klärung bzgl. Fragen des Quelleninhalts, also: Von welchem Thema wird hier gesprochen? Werden vielleicht Personen, Schauplätze oder Institutionen erwähnt, die dem Forschenden noch unbekannt sind? Auch wichtig: Wie schreibt der Autor, d.h. flüssig und gut lesbar oder übersäht von Fehlern in der Rechtschreibung? Damit ist die innere Quellenkritik eine direkt Vorstufe zur weiterführenden Quelleninterpretation.

Hier werden ggf. tiefe Einblicke in den Kopf des Verfassers möglich, die es dem Forschenden erlauben, den Aussagewert einer Quelle besser einzuschätzen: Wer z.B. im Dialekt Tagebuch führt, der schreibt in erster Linie für sich allein. Wer seine Erlebnisse dagegen ausführlich beschreibt, der hat die Möglichkeit, dass sein Schriftwerk von Außenstehenden gelesen werden könnte, durchaus bedacht.

Diese Fragen sind besonders wichtig, um den Wahrheitsgehalt der Berichte hinterfragen zu können. Denn wer etwas bewusst für die Nachwelt hinterlassen möchte, tut dies in aller Regel, um sich selbst in ein bestimmtes Licht zu rücken. Gegebenenfalls neigt der Verfasser damit zur Selbststilisierung bzw. zur Verfälschung von Tatsachen.

Die Quelleninterpretation für die Bachelorarbeit oder Masterarbeit

All diese Fragen, die Quellenbeschreibung und Quellenkritik aufwerfen, gilt es in der Interpretation zu beantworten und nach Möglichkeit zu vertiefen. Hier wird nicht mehr nach dem „Wie?“ sondern dem „Warum?“ gefragt. Damit beginnt der spannende Teil der historischen Arbeit: das Detektivspielen durch Zeit und Raum.

Zunächst sollte eine Interpretation mit einer inhaltlichen Zusammenfassung der Quelle beginnen. Aufgabe des Autors ist es dabei zunächst, die zentralen Argumente aus einem Text zu filtern und diese – am besten durch direkte Zitate mit Beleg – wiederzugeben.

Kontext, Kontext, Kontext

Die inhaltliche Reflexion einer Quelle muss dabei stets in enger Bindung an den jeweiligen historischen Kontext erfolgen, d.h. der Text muss zeitlich sowie geographisch verortet werden. Anders als in der Quellenkritik genügt es hier jedoch nicht, Jahr und Ort der Entstehung zu benennen. Stattdessen müssen die (sozialen, wirtschaftlichen etc.) Rahmenbedingungen die historische Epoche reflektiert werden.

Diese Reflexion ist dabei eng verbunden mit der Persönlichkeit des Verfassers: Wer war er? Was wissen wir über ihn ggf. bereits aus anderen Quellen? Und in welcher Nähe stand der Verfasser zu den Ereignissen jener Zeit – war er z.B. stiller Beobachter (etwa die Geliebte eines Soldaten zu Kriegszeiten) oder aktiver Teilnehmer (also der Soldat selbst)?

Diese Kontextualisierung erlaubt auch zu klären, welche Fragestellung überhaupt an die Quelle gestellt werden kann. Denn nicht jede Quelle ist für jeden Forschungszweck geeignet. Wer z.B. untersuchen möchte, wie die Bevölkerung über das politische Handeln eines Staatsmannes dachte, der wird die Antwort darauf nicht in dessen Memoiren finden (zumindest keine ehrliche), sondern in den Massenmedien. Der Betreuer ist hier ein guter Ansprechpartner.

Vor Subjektivität wird gewarnt!

Generell ist für die Interpretation einer Quelle immer eines besonders zu berücksichtigen: die Intention des Verfassers. Man sollte sich daher immer grundlegend fragen: Warum hat der Verfasser überhaupt eine Quelle hinterlassen? Für wen? Und mit welchem Zweck?

Besonders wichtig ist dabei, die jeweilige Subjektivität einer Quelle zu berücksichtigen. Historiker sollten sich daher stets vor Augen halten, dass eine einzelne Quelle in aller Regel auch nur einen einzelnen Blickwinkel auf ein Thema bieten kann.

Hier kann es wertvoll sein, Parallelquellen einander vergleichend gegenüberzustellen. Wie urteilten z.B. alleinstehende Frauen der Arbeiterklasse in privaten Briefen über die Frauenrechtsbewegung der 1960er Jahre und wie taten es im Vergleich dazu verheiratete Frauen aus wohlhabenderen Verhältnissen?

Bei solchen Betrachtungen ist es wichtig, auf eine generelle Vergleichbarkeit des Quellenmaterials zu achten. Gleichwohl können sich aus der bewussten Gegenüberstellung und Abgrenzung inhaltlich ähnlicher Quellen, interessante Schlaglichter für die eigene Interpretation ergeben.

Darüber hinaus sollten sowohl zu Primär- als auch zu Sekundärquellen weiterhin Literatur hinzugezogen werden, etwa um die Rezeption einer Primärquelle, z.B. eines politischen Manifests, über einen längeren Zeitraum zu betrachten. Was eine Primär- von einer Sekundärquelle unterscheidet, erläutern beispielhaft diese Hinweise der Universität Regensburg.

Eine Quelleninterpretation baut auf eine Quellenbeschreibung sowie eine Quellenkritik auf. Hier gilt es alles Wissenswerte zusammenzutragen, das rund um die Quelle bekannt ist, insbesondere Ort und Jahr der Entstehung sowie bekannte Fakten hinsichtlich des Verfassers. Die darauffolgende Quelleninterpretation versucht Fragen, die die Quellenbeschreibung sowie die Quellenkritik aufgeworfen haben, zu klären und zu vertiefen. Dabei werden vom Forschenden Einfühlungsvermögen sowie eine kritische Reflexion der Intention des Quellenverfassers gefordert.

Hierbei ist es besonders wichtig, die Quelle im Zusammenhang mit ihrer jeweiligen historischen Epoche und deren Rahmenbedingungen zu betrachten. Der Forschende muss bereit sein in den Konventionen der betreffenden Zeit zu denken, muss diese Konventionen aber auch aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und durchdenken können.

Literatur

Brandt, Ahasver von (2007): Werkzeug des Historikers: eine Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften, 17. Auflage Stuttgart.

Eggert, Manfred K. H. (2010): “Über archäologische Quellen”, in: Burmeister, Stefan/ Müller-Scheeßel, Nils (Hrsg.): Fluchtpunkt Geschichte: Archäologie und Geschichtswissenschaft im Dialog (Tübinger Archäologische Taschenbücher, Band 9), Münster.

Weitere Literaturempfehlungen

Kirn, Paul (1963): Einführung in die Geschichtswissenschaft, Berlin.

Rüsen, Jörn (1997): Konstruktion der Vergangenheit: Eine Einführung in die Geschichtstheorie, Böhlau.

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