Wissenschaftliche Umfragen für die Bachelorarbeit und Masterarbeit durchführen

Umfragen durchführen
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17 Dez Wissenschaftliche Umfragen für die Bachelorarbeit und Masterarbeit durchführen

Empirisches Arbeiten ist gerade im Gegensatz zur theoretischen Arbeitsweise ein ganz eigenes Feld. Besonders Umfragen scheinen dabei sowohl in den Medien als auch in der Wissenschaft omnipräsent zu sein. Gerade in Zeiten von leicht zu bedienenden und gratis zugänglichen Online-Tools scheint heute jedermann ganz einfach Umfragen durchführen und auswerten zu können. Um allerdings mit den Ergebnissen von Umfragen etwas anfangen zu können, gilt es einiges bei der Durchführung und der Auswertung der Daten zu berücksichtigen.

Was sind eigentlich Umfragen?

Hinter dem umgangssprachlichen Begriff „Umfrage“ verbirgt sich in der Wissenschaft der eher gebräuchliche Begriff der „Befragung“. Dabei ist die Befragung tatsächlich die in den empirischen Sozialwissenschaften am häufigsten genutzte Methode. Man geht davon aus, dass ca. 90% aller Daten mittels Befragungen gewonnen werden (Bungard 1979: 223). Dabei liegt der Vorteil von Umfragen ganz klar auf der Hand: Man kann als Forscher direkt und aus erster Hand Informationen von der ausgewählten Zielgruppe bekommen.

Umfragen können zum einen ganz klassisch anhand eines Fragebogens durchgeführt werden. Dieser kann den Befragten von einem Helfer vorgelegt werden, per Post verschickt oder aber heutzutage auch online zugänglich gemacht werden. Zum anderen gibt es die mündlichen Befragungen, die sogenannten Interviews. Diese finden in einer direkten Gesprächssituation statt oder aber auch via Telefon oder Videotelefonie.

Die Fragen können dabei in ganz unterschiedlichem Umfang standardisiert sein. Das heißt, es ist möglich, dem Antwortenden ein ganz unterschiedliches Maß an Freiheit bei der Beantwortung der Fragen zu geben: Das eine Extrem wären dabei komplett geschlossene Fragen, die der Befragte nur mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten kann. Das andere Extrem wären ganz offene Fragen, bei denen die Antworten zunächst ohne jede Wertung oder Strukturierung notiert werden. Die transkribierten Antworten werden dann erst im Nachhinein von den Forschern systematisch ausgewertet.

Die Konzeption und Durchführung einer Befragung für eine Bachelorarbeit und Masterarbeit

Wenn man selber Umfragen durchführen möchte, braucht man wie bei jedem anderen Forschungsvorhaben zunächst einen guten Plan. Hierbei ist entscheidend, ob man deduktiv oder induktiv vorgehen möchte.

Bei dem Verfahren der Deduktion liegt zunächst eine Theorie vor oder man entwickelt eine Theorie, die man dann anschließend empirisch überprüfen möchte.
Bei dem Verfahren der Induktion erforscht man möglichst ohne Vorannahmen seinen Forschungsgegenstand empirisch und versucht erst im Anschluss daraus eine Theorie abzuleiten (für eine umfassendere Einführung in das Prinzip der Deduktion und Induktion siehe die Vorlesung von Prof. Dr. U. Toellner-Bauer).

In den ersten eigenen Umfragen ist es sinnvoll, deduktiv zu arbeiten, bevor man sich an die etwas schwierigere induktive Vorgehensweise wagt. Deswegen beschreiben wir im Folgenden das deduktive Verfahren.

Deduktiv entwickelte Umfragen durchführen

Will man eine deduktiv entwickelte Umfrage konzipieren, ist es sinnvoll, sich zunächst das eigene Erkenntnisinteresse vor Augen zu führen: Was will man genau erforschen? Was möchte man herausfinden? Warum möchte man eine bestimmte Studie durchführen? Die Antworten auf diese Fragen sollte man sich prägnant und vor allem schriftlich notieren.

Weiß man, was man erforschen will, gilt es sich umfassend mit seinem Forschungsgegenstand vertraut zu machen. Das heißt, jetzt ist spätestens der Zeitpunkt gekommen, alle relevante Theorie und andere Studien zu dem Thema in der Literatur zu recherchieren. Dieses Material wird dann ähnlich wie in einer theoretischen Arbeit ausgewertet und im Theorieteil der Arbeit verschriftlicht.

Zusätzlich sollte man sich auf ganz praktische Weise mit seinem Forschungsgegenstand vertraut machen. Ein guter Weg dafür neben einer Internetrecherche ist es, mit der eigenen Zielgruppe zu sprechen. Dabei sollte man sich mit ihnen nicht nur über den Forschungsgegenstand, sondern auch ganz grundsätzlich unterhalten. So bekommt man ein Gefühl für ihre Sprache, ihre Belange und ihren Habitus. Und das ist später beim Entwickeln des Fragebogens oder des Interviewleitfadens unerlässlich.

Hypothesen formulieren

Mit dem fertigen Theorieteil geht es nun daran die Hypothesen zu entwickeln. Bei einem deduktiven Vorgehen zerlegt man dabei den Teil der Theorie, den man empirisch überprüfen möchte, in Einzelaussagen und formuliert diese in Hypothesen um. Dabei muss eine wissenschaftliche Hypothese immer vier Kriterien erfüllen:

Eine Hypothese muss sich immer auf reale und empirisch beobachtbare Sachverhalte beziehen. Das heißt, man kann beispielsweise keine Hypothesen darüber aufstellen, was Pflanzen fühlen, weil dies derzeit nicht empirisch beobachtbar ist. Eine Hypothese muss zumindest implizit die formale Struktur eines Konditionalsatzes aufweisen. Das heißt, sie muss zum Beispiel ein „Wenn-dann-Satz“ sein oder ein „Je-desto-Satz“. Darüber hinaus muss eine Hypothese immer ein All-Satz sein. Das bedeutet, sie muss sich immer auf alle Fälle eines bestimmten Bereichs beziehen und nicht nur auf einen Einzelfall. Zu guter Letzt ist es beim empirischen Arbeiten essentiell, dass eine Hypothese immer zumindest potentiell widerlegbar ist. Das heißt, sie muss so formuliert sein, dass es möglich ist, einen Gegenbeweis zu erbringen (Bortz und Döring 2002: 7f).

Fragebogen oder Interview für eine Bachelorarbeit und Masterarbeit?

Hat man seine Hypothese oder seine Hypothesen formuliert, geht es an die Entwicklung der Instrumente für die Befragung. Je nach Art kann das ein Leitfaden für ein Interview sein oder ein Fragebogen. Grundsätzlich ist die Entwicklung eines guten Fragebogens immer schwieriger und aufwändiger.

Das liegt an zwei Vorrausetzungen: Erstens sollte ein Fragebogen immer so gestaltet sein, dass er möglichst selbsterklärend ist und ohne weitere Unterstützung durch den Versuchsleiter von den Befragten ausgefüllt werden kann (Bortz und Döring 2002: 237). Zweitens benötigt die Entwicklung eines fachlich guten Fragebogens einiges an Vorkenntnissen, um Daten zu erheben, die wissenschaftlichen Gütekriterien standhalten (für eine Einführung in die Gestaltung von Fragebögen und die Formulierung von Fragen siehe das Skript zu Empirischen Forschungsmethoden).

Diese Vorarbeit kann sich allerdings lohnen: Fragebögen lassen sich zum einen mit deutlich weniger Zeit- und Arbeitsaufwand einsetzen. Zudem liefern sie Daten, die deutlich stärker standardisiert sind und schneller und einfacher auszuwerten sind.

Leitfäden für Interviews dagegen sind zwar zunächst scheinbar einfacherer zu entwickeln. Aber ein Interview muss zum einen immer von einem Interviewer durchgeführt werden. Zum anderen produzieren Interviews – sofern sie nicht außerordentlich stark standardisiert sind – mit den Antworten der Befragten sehr viele Daten in Form von Text. So spart man bei Interviews zunächst zwar vergleichsweise viel Zeit und Aufwand bei der Erstellung eines Interviewleitfadens ein. Die eingesparte Zeit investiert man dann aber oft zum Teil doppelt oder dreifach wieder auf die Aufarbeitung und Auswertung der nicht standardisierten, transkribierten Antworten.

Die Auswertung der Daten

Für die Auswertung bieten verschiedene Verfahren an: Mit stark standardisierten Daten kann man rechnen und demzufolge kann man sie statistisch auswerten. Welche Verfahren und Methoden hier zum Einsatz kommen können, hängt von der Art der erhobenen Daten und von deren Skalenniveau ab.  Bei niedrig skalierten Daten lassen sich nur wenige mathematische Verfahren anwenden. Lässt eine Frage beispielsweise nur Antworten zu, die keine mathematische Rangordnung aufweisen, wie „Ja“/„Nein“ oder „männlich“/„weiblich“ dann handelt es sich um ordinal skalierte Daten und es kann nur berechnet werden, wie häufig bestimmte Antworten vorkommen und welche am häufigsten vorkommen (Modalwert). Handelt es sich aber beispielsweise bei den Daten um Temperaturzahlen, die mit festen Einheiten nach ihrer Größe sortiert werden können, sind sie kardinal skaliert und man kann mit ihnen viele verschiedene statistische Berechnungen anstellen.

Nicht standardisierte Daten, wie zum Beispiel aus offenen Interviews, wertet man vorzugsweise mit einer qualitativen Analyse aus. Hierbei geht es nicht darum, aus großen Stichproben möglichst repräsentative Ergebnisse zu beziehen. Vielmehr geht es darum, Einzelfälle korrekt zu beschreiben und – wenn möglich – aus sich selbst heraus zu verstehen (Lamnek, 2005: 243). Offene Interviews, aber auch die Inhaltsanalyse von Texten oder diverse Beobachtungsmethoden sind klassische Methoden qualitativer Sozialforschung. Typischerweise werden qualitativ gewonnene Daten anhand von Kodierung, Interpretation und Typisierung ausgewertet. Dabei muss man allerdings beachten, dass Audiodateien in Interviews beispielsweise transkribiert und man sie wie die Masterarbeit und die Bachelorarbeit Korrekturlesen lassen muss. In der Regel werden nicht standardisierte Daten gezielt in qualitativen Verfahren mit induktivem Vorgehen erhoben und ausgewertet.

Wie bei allen empirischen Arbeiten gilt: Noch mehr als bei theoretischen Studien ist eine gute Planung wichtig. Deswegen sollte man vor der Befragung – sofern man nicht induktiv vorgeht – unbedingt wissen, wo das eigene Forschungsinteresse liegt und wie man die Studie strukturieren und die Daten erheben und auswerten möchte.

Literatur

Bortz, Jürgen / Döring, Nicola (2002): Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften. 5., vollständig überarbeitete und erw. Auflage, Berlin/Heidelberg.

Bungard, Walter (1979): Methodische Probleme bei der Befragung älterer Menschen, in: Zeitschrift für experimentelle und angewandte Psychologie, 26, 211-237.

Lamnek, Siegfried (2005): Qualitative Sozialforschung. Lehrbuch, Weinheim.

Weiterführende Literatur

Bortz, Jürgen (2005): Statistik: Für Human- und Sozialwissenschaftler, Heidelberg.

Lienert, Gustav / Raatz, U. (1998): Testaufbau und Testanalyse, Weinheim.

Mummendey, Hans Dieter (1999): Die Fragebogen-Methode, Göttingen.

Kelle, Udo (2007): Die Integration qualitativer und quantitativer Methoden in der empirischen Sozialforschung, Wiesbaden.

 

Autorin: Myriel Balzer

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