Qualitativ forschen per Interview: Hinweise, Vor- und Nachteile

Qualitativ forschen
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23 Nov Qualitativ forschen per Interview: Hinweise, Vor- und Nachteile

Um einen ersten Einblick in ein noch unbekanntes Feld zu bekommen, ein bestimmtes Problem näher zu beleuchten oder bei einem Thema mit einem Experten in die Tiefe zu gehen – das qualitative Interview ist in der Sozialforschung eine bewährte Methode zur Datenerhebung. Das gilt sowohl für Bachelorarbeiten, als auch für Masterarbeiten und Dissertation

Im Gegensatz zu standardisierten quantitativen Befragungen eröffnen qualitative Interviews die Möglichkeit „Situationsdeutungen oder Handlungsmotive in offener Form zu erfragen, Alltagstheorien und Selbstinterpretationen differenziert und offen zu erheben, und durch die Möglichkeit der diskursiven Verständigung über Interpretationen sind […] wichtige Chancen einer empirischen Umsetzung handlungstheoretischer Konzeptionen […] gegeben“ (Hopf 2007, S. 350).

Im Folgenden stellen wir drei Varianten des qualitativen Interviews vor, erläutern ihre Durchführung und erörtern die Vor- und Nachteile der Methode in der Bachelorarbeit oder Masterarbeit.

Das narrative Interview

Das klassische narrative Interview wurde in den 1970er Jahren von Fritz Schütze entwickelt und ist von allen Interviewformen die mit dem niedrigsten Grad an Fremdstrukturierung. Beim narrativen Interview geht es darum, den Befragten möglichst offen und natürlich erzählen zu lassen. So kann man auch Gedanken und Erinnerungen erfassen, die man in einem standardisierten Kontext nicht äußern könnte oder würde (vgl. Hopf, S. 357). Der Ablauf des narrativen Interviews gliedert sich in drei Teile: Die Erzählphase, die Nachfragephase und die Bilanzierungsphase.

Der Ablauf

Das Gespräch beginnt zunächst mit einer Erzählaufforderung, die der Interviewer stellt und die dann möglichst wenig einschränkend und erzählgenerierend sein sollte. Die darauffolgende Haupterzählung gestaltet der Interviewte allerdings autonom, der Interviewer hält sich in dieser Phase der Erhebung vollkommen zurück (vgl. Hopf, S. 356). Er kann sich jedoch Notizen machen, wenn er beispielsweise zu manchen Aussagen zu einem späteren Zeitpunkt noch weiter nachfragen will.

Diese und weitere Nachfragen (z. B. aus einem Leitfaden) kann man in jedem Fall im zweiten Abschnitt, der Nachfragephase, stellen, wenn der Interviewte mit seinen ersten Ausführungen geendet hat. Sie sollten ebenfalls möglichst erzählgenerierend sein, sodass man hiermit erneut einen Redefluss beim Interviewten erzeugt.

Den Abschluss bildet schließlich die Bilanzierungsphase, in der sich Interviewer und Befragter über den Interviewverlauf austauschen können. Das geführte Interview wird anschließend vollständig transkribiert. Dann bildet man hierzu Typologien und sortiert die Abschnitte nach Themen. Markante Stellen kann man freilich mit Zitaten aus dem Interview belegen. Die Bildung einer Hypothese erfolgt indes – im Gegensatz zu quantitativen Erhebungen – nach der Auswertung des qualitativen Interviews.

Vor- und Nachteile

Ein großer Vorteil dieser offenen Erhebungsmethode ist, dass der Interviewte frei und natürlich erzählen kann. So können eigene Themen eingebracht werden und eine wirklich umfassende Erhebung erfolgen. Deswegen ist das narrative Interview vor allem in der explorativen Phase zur Erkundung eines Forschungsgebiets gut geeignet.

Eine der Tücken des narrativen Interviews ist die Repräsentativität der Auswahl. Man sollte sich genau überlegen, wen man befragt, um trotz kleiner Stichprobe ein möglichst valides Ergebnis zu bekommen. Dabei helfen kann das „theoretical sampling“. Bei der theoriegesteuerten Auswahl hat man gewisse Vorstellungen vom Feld und interviewt eine typische Gruppe innerhalb des Feldes, bis man genaueres erfahren hat.

Außerdem ist die intersubjektive Nachvollziehbarkeit ein wichtiger Punkt. Denn man ist beim narrativen Interview auf die verbale Kompetenz des Interviewten und die Fähigkeiten des Interviewers angewiesen.

Das problemzentrierte Interview

Wie der Name schon sagt ist der Gegenstand beim problemzentrierten Interview ein bestimmtes Problem bzw. Thema. Dabei geht es um die subjektive Wahrnehmung und die individuellen Handlungen des Befragten in Bezug auf das Problem bzw. Thema.

Der Ablauf

Auch das problemzentrierte Interview beginnt mit einer vorbereiteten Einleitungsfrage, die zwar auf das ausgewählte Thema abzielt, aber dennoch möglichst offen ist, sodass der Befragte frei dazu erzählen kann.
Im weiteren Verlauf kann der Interviewer dann Nachfragen zu Aspekten aus der Erzählsequenz stellen und so immer detaillierter auf das Problem bzw. das Thema eingehen. Gibt es Themen, die vom Befragten gänzlich ausgespart wurden, aber relevant sind, können diese mittels Ad-hoc-Fragen zum Ende des Hauptgesprächs angesprochen werden (vgl. Witzel 2000).
Die Auswertung des problemzentrierten Interviews kann auf verschiedene Arten erfolgen, Grundlage ist in den meisten Fällen jedoch ein vollständiges Transkript des Gesprächs, das je nach Erkenntnisinteresse mit einer entsprechenden Analysemethode ausgewertet wird. Wichtig ist hierbei außerdem, dass der Text, den man aus der Audi-Datei erstellt hat, sprachlich korrekt ist. Gerade weil die mündliche Sprache in Interviews meist eine komplizierte Grammatik und Rechtschreibung aufruft, ist ein Lektorat der Bachelorarbeit umso wichtiger.

Unterstützende Elemente

Unterstützt wird das problemzentrierte Interview durch vier Instrumente: Zum einen den Kurzfragebogen, anhand dessen die Sozialdaten (Alter, Beruf der Eltern usw.) erfasst werden. Zum anderen die Tonaufnahme des Gesprächs, die es ermöglicht alles genau zu erfassen und die später als Transkriptionsgrundlage dient.
Außerdem gehört der vorher erarbeitete Leitfaden, anhand dessen der Interviewer kontrollieren kann, ob alle Themen während des Gesprächs abgedeckt wurden, dazu. Sowie die Postskripte, die man unmittelbar nach dem Gespräch erstellt und in denen man einen ersten Überblick über den Ablauf, markante Themen, nonverbales und andere prägnante Punkte des Interviews festhält (vgl. Witzel 2000).

Das Experteninterview

Beim Experteninterview führt man ein Gespräch mit einer Person, die vom Forscher als „Experte“ für das jeweilige Forschungsfeld angesehen wird. Es findet sich in der Literatur keine feste Experten-Definition, es gehe jedoch um Menschen, die für den Entwurf, die Implementation oder die Kontrolle einer Problemlösung die Verantwortung tragen oder einen privilegierten Zugang zu Informationen über Personengruppen oder Entscheidungsprozesse verfügen (vgl. Meuser und Nagel 2005, S. 73).
Dem Gespräch liegt ein offener Leitfaden zugrunde, den der Interviewer im Vorfeld erarbeitet hat. Das Experteninterview kommt in verschiedensten Forschungsfeldern zum Einsatz, sowohl als eigenständiges Verfahren, als auch im Rahmen eines Methodenmix (vgl. Meuser und Nagel 2005, S. 72).

Der Ablauf

Zunächst ist es die Aufgabe des Forschers, sich mit dem Fachgebiet vertraut zu machen und sich über Sachverhalte und Fachbegriffe zu informieren, die möglicherweise im Rahmen eines Interviews mit einem Experten auftauchen könnten. Dies stellt einerseits sicher, dass der Forscher zu einem kompetenten Gesprächspartner wird und andererseits, dass das Interview einem roten Faden folgt und nicht in andere, irrelevante Bereiche abdriftet (vgl. Meuser u. Nagel 2005, S. 77).

Als nächstes gilt es das Forschungsinteresse herauszuarbeiten. Was genau ist von Interesse, welche Informationen sollen beim Experteninterview gewonnen werden? Sind diese Punkte klar, kann der offene Leitfaden erarbeitet werden. Dieser gewährleistet, dass sich das Gespräch um das gewünschte Thema dreht, es bleibt aber genug Raum für den Input des Experten.

Die Kommunikation mit dem Experten sollte möglichst transparent stattfinden, d. h. ihm sollte das Forschungsinteresse und die Aspekte, die im Gespräch behandelt werden sollen, im Vorfeld klar mitgeteilt werden. Ebenso sollten Termin, Dauer und die Art der Dokumentation vereinbart werden.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit anderen Interviewtypen

Der Ablauf des Experteninterviews selbst ist der gleiche wie beim narrativen Interview (s. oben). Es startet mit einer erzählgenerierenden Einleitungsfrage, bevor man nach der Haupterzählphase weitere, möglichst offene Fragen rund um das Forschungsinteresse stellt.
Bei der Auswertung geht es, anders als bei der Einzelfallanalyse, bei den Experteninterviews nicht um den Text als individuell-besonderen Ausdruck seiner allgemeinen Struktur, sondern vielmehr darum, im Vergleich mit anderen Expertentexten überindividuelle Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten und Aussagen über Repräsentatives und geteilte Wissensbestände, Relevanzstrukturen, Wirklichkeitskonstruktionen, Interpretationen und Deutungsmuster zu treffen (vgl. Meuser u. Nagel 2005, S. 80) als Grundlage für die Bachelorarbeit oder Masterarbeit zu finden.

Literatur

Hopf, Christel (2007): Qualitative Interviews – ein Überblick, in: Flick, Uwe/Kardorff, Ernst von/Steinke, Ines (Hrsg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch, 7. Auflage, Hamburg, S. 349-360.
Meuser, Michael/Nagel, Ulrike (2005): ExpertInneninterviews – vielfach erprobt, wenig bedacht: ein Beitrag zur qualitativen Methodendiskussion, in: Detlef Garz/ Klaus Kraimer (Hrsg.), Qualitativ-empirische Sozialforschung: Konzepte, Methoden, Analysen, Opladen.
Witzel, Andreas (2000): Das problemzentrierte Interview, in: Forum Qualitative Sozialforschung/Forum: Qualitative Social Research, 1(1), Art. 22.

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