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Transkriptionsregeln von A bis Z

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Transkriptionsregeln


Alle, die sich damit beschäftigen, Interviews zu führen und auszuwerten, müssen sich mit diesem Thema auseinandersetzen: Transkriptionsregeln. Denn es gibt bedeutende Unterschiede in der Art und Weise, wie man Interviews transkribiert. Für was man sich letztendlich entscheidet, hängt von ganz verschiedenen Faktoren ab. Alles, was du dazu wissen musst, findest du in diesem Artikel.

Was sind Transkriptionsregeln?

Transkriptionsregeln sind wissenschaftliche Standards, die vorgeben, wie man Interviews verschriftlicht – etwa wenn du eine empirische Bachelorarbeit oder eine Dissertation schreiben willst. Es gibt dabei verschiedene Transkriptionssysteme, die sich je nach Forschung unterschiedlich gut eignen. Deshalb stellen wir dir im Folgenden die sechs wichtigsten Systeme und deren Transkriptionsregeln vor, wobei wir den Schwerpunkt auf ein einfaches Transkriptionssystem legen.

Wenn du also beschlossen hast, dass qualitativ forschen mit Interviews für deine Abschlussarbeit der beste Weg ist, heißt es: transkribieren! Hier kannst du auf eine professionelle Audio-Transkription zurückgreifen oder, wenn du genügend Zeit und Kapazität hast, die Sache selbst in die Hand nehmen. Einen ersten Überblick zum Thema bietet dir beispielsweise die Uni Regensburg in ihrem Leitfaden.

Transkriptionsregeln: Eine grundsätzliche Unterscheidung

Bevor du loslegst, musst du jedoch eine wichtige Entscheidung treffen: Soll es eine wörtliche oder eine lautsprachliche Transkription werden? Wörtliche Transkription heißt, dass du die Aufzeichnung möglichst vereinfacht und gut lesbar transkribierst. Dialekte werden zum Beispiel ins Hochdeutsche übersetzt, Wortdopplungen und Lückenfüller (wie „äh“) weggelassen und Interpunktion sinngemäß gesetzt. Bei der lautsprachlichen Transkription hingegen werden alle sprachlichen Besonderheiten mit abgetippt. Auch Tonlagen, Betonungen oder die Länge von Gesprächspausen werden folglich in den Transkriptionsregeln berücksichtigt.

Es gibt jedoch nicht nur diese beiden Möglichkeiten, sondern auch einige Transkriptionssysteme zwischen den Polen (vgl. Kuckartz 2016, S. 166). Dies ermöglicht dir, Transkriptionsregeln anzuwenden, die genau auf deine Forschung passen. Die lautsprachliche Transkription ist unter dem Strich die komplexere und zeitintensivere Variante. Sie eignet sich also eher für Forschungen, die latente Strukturen hinter dem Gesagten erfassen wollen. Das einfache Transkriptionssystem konzentriert sich dahingegen eher auf den Inhalt des tatsächlich Gesagten. Die Übersicht im Folgenden zeigt, wie die beiden Formen von Transkriptionsregeln im Vergleich aussehen können.

Wörtliche und lautsprachliche Transkriptionsregeln im Vergleich
Abb. 1: Wörtliche und lautsprachliche Transkriptionsregeln im Vergleich (Quelle: Dresing/Pehl 2013)

Die Top 6 der Transkriptionsregeln

Es gibt wie bereits erwähnt mehrere Systeme, deren Transkriptionsregeln sich mal mehr an der wörtlichen und mal mehr an der lautsprachlichen Transkription orientieren. Sechs der wichtigsten sind die einfachen Transkriptionsregeln nach Dresing/Pehl (2011), Kuckartz (2010) und Dittmar (2009) sowie die komplexeren Transkriptionsregeln „GAT“ (Selting et al. 2009), „HIAT“ (Rehbein et al. 2004) und nach Jefferson (1984).

In Abbildung 1 wurden links Transkriptionsregeln angewandt, wie sie ebenfalls bei Kuckartz, Dresing/Pehl und Dittmar gelten. Auf der rechten Seite kam hingegen das Gesprächsanalytische Transkriptionssystem (GAT) zum Einsatz.

Noch eine Stufe komplizierter ist dann das System der Halbinterpretativen Arbeitstranskriptionen (HIAT). Hier verwendet man zum Beispiel das Zeichen ^ für eine „steigend-fallende tonale Bewegung“ oder ein Apostroph bei einem Glottisschlag (das ist ein stimmloses Geräusch, das bei bestimmten Lauten zu hören ist).

Die Transkriptionsregeln nach Jefferson sind – obwohl schon recht alt – bis heute vor allem im englischsprachigen Raum verbreitet (vgl. Kuckartz 2016, S. 168). Auf die wirst du dann wahrscheinlich zurückgreifen, wenn du deine Bachelorarbeit auf Englisch verfasst. Auch hier werden bis ins kleinste Detail Bestandteile des Gesprochenen erfasst, wie beispielsweise (hhh) und (.hhh) für hörbares Aus- und Einatmen.

Transkriptionssysteme im Überblick

Hier noch einmal alle vorgestellten Transkriptionssysteme zusammengefasst:

Tabelle 1: Übersicht über die wichtigsten Transkriptionsregeln

Transkriptionsregeln Kategorie Hinweis
nach Dresing/Pehl einfaches Transkriptionssystem hohe Bekanntheit im deutschsprachigen Raum
nach Kuckartz einfaches Transkriptionssystem hat seine Transkriptionsregeln später an Dresing und Pehl angeglichen
nach Dittmar einfaches Transkriptionssystem
GAT komplexes Transkriptionssystem hohe Bekanntheit im deutschsprachigen Raum
HIAT komplexes Transkriptionssystem
nach Jefferson komplexes Transkriptionssystem hohe Bekanntheit im englischsprachigen Raum

Es gibt noch einige weitere Transkriptionsregeln, die jedoch teils fach- oder methodenspezifisch sind. Das Transkriptionssystem „TIQ“ (=Talk in Qualitative Social Research) ist zum Beispiel im Rahmen der Arbeit mit Gruppeninterviews entstanden. Weiterführende Informationen liefert die Universität Paderborn. Im Folgenden widmen wir uns ausführlicher den zwei bekanntesten Transkriptionssystemen im deutschsprachigen Raum.

Einfaches Transkriptionssystem nach Dresing & Pehl

Dieses System basiert auf einfachen Transkriptionsregeln und wird zudem oftmals in der qualitativen Forschung und an Universitäten angewendet. Wie bereits erwähnt wird dabei wörtlich transkribiert. Dialekte werden also ins Hochdeutsche übersetzt und Füllwörter wie „ähm“ und „hm“ nicht mit transkribiert – es sei denn, eine Antwort besteht nur aus dieser Äußerung (vgl. Dresing/Pehl 2011, S. 15f.).

Wort- und Satzabbrüche werden geglättet bzw. ausgelassen, auch sogenannte Wortverschleifungen. Aus dem Satz „Dann hamma noch ‘ne andere Methode ausprobiert“ wird nach den Transkriptionsregeln also „Dann haben wir noch eine andere Methode ausprobiert“. Dadurch wirkt das Transkript übersichtlicher und ist leichter zu lesen. Grammatikalische Fehler werden jedoch beibehalten (zum Beispiel „Dann haben wir noch einen anderen Methode ausprobiert.“). Es kann natürlich auch passieren, dass einzelne Wörter oder Sätze unverständlich sind. Zum Beispiel, weil es laute Hintergrundgeräusche gab oder der Sprecher genuschelt hat. Laut der Transkriptionsregeln kennzeichnet man in diesem Fall die Passage mit (unv.).

Darüber hinaus werden auch sinnvolle Satzzeichen gesetzt. Geht die Stimme des Befragten zum Beispiel nach oben, kann ein Fragezeichen Sinn ergeben. Geht sie nach unten, womöglich ein Komma. Dies hängt natürlich vom Zusammenhang ab. Wird eine Äußerung besonders betont, schreibt man sie in Großbuchstaben. Pausen während des Sprechens werden durch drei Punkte in Klammern gekennzeichnet: (…)

Nonverbale Äußerungen

Bei einfachen Transkriptionsregeln ist es auch möglich, nonverbale Äußerungen wie Husten, Seufzen oder Lachen zu notieren, wenn dies eine Aussage verdeutlicht:

Einfachen Transkriptionsregeln: Beispiel zur Transkription nonverbaler Äußerungen
Abb. 2: Beispiel zur Transkription nonverbaler Äußerungen nach einfachen Transkriptionsregeln  (Quelle: Dresing/Pehl 2018, S. 26)

Was die Form der Verschriftlichung angeht, gibt es ebenfalls klare Transkriptionsregeln. Zum Beispiel folgt nach jedem Sprecherbeitrag ein Absatz und nach jedem Absatz eine Zeitmarke. Außerdem teilt man allen Sprechern feste Nummern beziehungsweise Buchstaben oder (fiktive) Namen zu. Das Ganze muss auf jeden Fall anonymisiert sein. Der Interviewer erhält oftmals den Buchstaben „I“ und der Befragte den Buchstaben „B“, wie in Abb. 2. Bei Gruppendiskussionen kann man die Teilnehmer gemäß der Transkriptionsregeln entweder als „B1“, „B2“ usw. kennzeichnen oder ihnen Namen zuordnen (vgl. Dresing/Pehl 2011, S.16f.).

GAT Transkription

Das Gesprächsanalytische Transkriptionssystem wurde 1998 von zehn Linguisten entwickelt und dann 2009 überarbeitet und ergänzt (GAT2). Es gibt drei Stufen der GAT Transkription, je nachdem, wie sehr man damit ins Detail gehen möchte. Man spricht daher auch vom „Zwiebelprinzip“ dieser Methode.
Das Minimaltranskript gilt als einfaches Arbeitstranskript, da es nicht zur Veröffentlichung dienen soll (vgl. Selting et al. 2009, S. 6). Das heißt, dass dessen Transkriptionsregeln noch verhältnismäßig überschaubar sind.

Transkriptionsregeln: Beispiel für ein Minimaltranskript
Abb. 3: Beispiel für ein Minimaltranskript (Quelle: Selting et al. 2009, S. 6f.)

Das Basistranskript ist eine Erweiterung der Transkriptionsregeln, das zum Beispiel Tonlagen, Betonungen und Tonlängen mit einbezieht:

Beispiel für ein Basistranskript
Abb. 4: Beispiel für ein Basistranskript (Quelle: Selting et al. 2009, S. 20)

Und schließlich gibt es in der GAT Transkription noch das Feintranskript, das die Informationen eines Interviews am detailliertesten widergibt. Dabei gibt es dementsprechend auch die meisten Transkriptionsregeln. Es werden zum Beispiel zusätzlich Akzente, Gesten sowie Veränderungen der Lautstärke und der Sprechgeschwindigkeit berücksichtigt. Dies wird teils sogar mit Grafiken veranschaulicht:

Beispiel für ein Feintranskript
Abb. 5: Beispiel für ein Feintranskript (Quelle: Selting et al. 2009, S. 34)

Verschriftlichung der Lautstärke bei der GAT Transkription
Abb. 6: Verschriftlichung der Lautstärke bei der GAT Transkription (Quelle: Selting et al. 2009, S. 29)

Transkriptionsregeln: Wozu die Mühe?

Du fragst dich, weshalb du die ganze Arbeit einer Transkription überhaupt auf dich nehmen sollst? Und geht es denn nicht auch ohne Transkriptionsregeln? Die Antwort hängt im Grunde genommen davon ab, was für eine wissenschaftliche Arbeit du schreibst. Wenn du eine Bachelorarbeit oder Hausarbeit schreiben willst, kann beispielsweise mit dem Dozenten vereinbart werden, nur einen Ausschnitt zu transkribieren. So kann man zeigen, dass man die Transkription beherrscht, und schafft die Arbeit trotzdem im vorgegebenen Zeitraum.

Unter dem Strich ist es jedoch unabdingbar, geführte Interviews anschließend auch zu transkribieren. Denn dies entspricht einfach den wissenschaftlichen Standards und muss zwingend gewissen Transkriptionsregeln folgen. Denn verschriftlichte Daten können schließlich am besten ausgewertet und miteinander verglichen werden. Zudem ist die Verbreitung und Zitation der Forschungsergebnisse in Schriftform am sinnvollsten. Dazu kommt, dass viele Aspekte der gesprochenen Sprache erst nach der Verschriftung erkennbar, bestimmte Strukturen oder Prozesse vielleicht erst im Transkript sichtbar werden, so wie es die Universität Paderborn nahelegt.

Tipps zum Durchführen einer Transkription

Es ist ebenfalls wichtig, beim Transkribieren systematisch vorzugehen. Speichere die abgetippten Interviews also am besten in separaten Dateien und benenne sie anschließend einheitlich. Das Ausfüllen eines sogenannten Postscripts hilft dir, danach den Überblick zu behalten (vgl. dazu das Beispiel der Pädagogischen Hochschule Freiburg).

Achtung:

Unterschätze den zeitlichen Aufwand nicht. Denn Interviews nach Transkriptionsregeln zu transkribieren, dauert in der Regel 5-10-mal länger als die Audiodatei, die du zum Beispiel per Diktiergerät aufgezeichnet hast, selbst. Das heißt, dass du für ein einstündiges Interview locker 5-10 Stunden rechnen kannst.

Am besten setzt du dich also so schnell wie möglich nach deinen Interviews an den PC. Denn je präsenter die Gespräche noch im Kopf sind, desto einfacher fällt dir die Transkription. Achte aber darauf, genügend Pausen zu machen. Die Transkriptionsregeln genau zu befolgen erfordert nämlich Konzentration – vor allem, wenn man noch nicht so geübt darin ist. Natürlich kannst du beim Transkribieren auch auf Transkriptionssoftware oder Programme zur Spracherkennung zurückgreifen, je nachdem wie qualitativ hochwertig die Transkription sein soll, musst du dennoch ausreichend Zeit dafür einplanen.

Wir haben dir nun verschiedene Transkriptionssysteme vorgestellt und schließlich einige Transkriptionsregeln erläutert. Du kannst zuletzt selbst entscheiden, wie du dein Transkript gestalten möchtest. Je nach Umfang, Zeitplan und Forschungsgegenstand eignen sich allerdings manche Methoden besser als andere. Daher solltest du deine Entscheidung zu Beginn der wissenschaftlichen Arbeit auf jeden Fall kurz begründen.

Literatur

Dittmar, Norbert (2009): Transkription. Ein Leitfaden mit Aufgaben für Studenten, Forscher und Laien, 3. Auflage, Wiesbaden.

Dresing, Thorsten / Pehl, Thorsten (2011): Praxisbuch Interview, Transkription & Analyse. Anleitungen und Regelsysteme für qualitativ Forschende, 1. Auflage, Marburg.

Dresing, Thorsten / Pehl, Thorsten (2013): Praxisbuch Interview, Transkription & Analyse. Anleitungen und Regelsysteme für qualitativ Forschende, 5. Auflage, Marburg.

Dresing, Thorsten / Pehl, Thorsten (2018): Praxisbuch Interview, Transkription & Analyse. Anleitungen und Regelsysteme für qualitativ Forschende, 8. Auflage, Marburg.

Kuckartz, Udo (2010): Einführung in die computergestützte Analyse qualitativer Daten, 3. Auflage, Wiesbaden.

Kuckartz, Udo (2016): Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Computerunterstützung, 3. Auflage, Weinheim und Basel.

Rehbein, Jochen/Schmidt, Thomas/Meyer, Bernd/Watzke, Franziska/Herkenrath, Annette (2004): Handbuch für das computergestützte Transkribieren nach HIAT. Arbeiten zur Mehrsprachigkeit Folge B (Nr. 56), Hamburg.

Selting, Margret et al. (2009): Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem 2 (GAT 2). In: Gesprächsforschung – Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion 10 (2009), S. 353–402.

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