Quellenkunde leicht gemacht



13 Apr Quellenkunde leicht gemacht

Jede Wissenschaft hat ihr eigenes Handwerkszeug. In der Quellenkunde lernen Studierende daher bereits frühzeitig „Quellen“ von „Literatur“ zu unterscheiden. Sie kennen dann die Arbeit mit Quellen bereits gut und haben Kenntnisse dazu, worauf man bei Quellen achten muss.

Im folgenden erklären wir, was man zu Quellen wissen muss, damit man sie in der Quelleninterpretation in der Bachelorarbeit oder Masterarbeit verwenden kann. 

Einstieg in die Quellenkunde: Was ist überhaupt eine Quelle?

Im Mittelpunkt einer historischen Betrachtung in der Bachelorarbeit oder Masterarbeit stehen im Hauptteil zumeist eine oder mehrere Quellen. Sie sind zeithistorische Dokumente, das heißt sie entstanden zu jener Zeit, mit der sich der Forschende in seiner Arbeit beschäftigen möchte. In Abgrenzung davon gelten als Literatur „wissenschaftliche Darstellungen, die auf der Basis von Quellen historische Prozesse oder Ereignisse beschreiben, analysieren und bewerten.“ (Freytag/Piereth 2004: 15).

Der erste Historiker, der den Quellenbegriff definierte, war Johann Gustav Droysen (1808-1884). Ihm zufolge war eine Quelle eine mündliche oder schriftliche Überlieferung, die dem Zweck dienen sollte historische Kenntnis zu verschaffen (Droysen 1974: 50). Für Droysen war dabei wichtig, dass die Quelle einst bewusst für den Erhalt der Nachwelt produziert worden war.

Heute sind sich Historiker jedoch darüber einig, dass auch Dinge, die nicht explizit für den Erhalt der Nachwelt erschaffen wurden, als Quellen dienen können und benutzen sie für wissenschaftliches Arbeiten. „Quellen nennen wir alle Texte, Gegenstände und Tatsachen, aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann“, heißt es heute nach Paul Kirn (1968: 29).

Quellengattungen für die Bachelorarbeit und Masterarbeit unterscheiden lernen

Nach diesem Verständnis gelten auch Alltagsgegenstände (zum Beispiel Kleidungsstücke, Schmuck oder Küchenutensilien) als historische Quellen. Um diese Menge möglichen Quellenmaterials besser klassifizieren zu können, unterscheiden Historiker nach Ernst Bernheim (1850-1942) zwischen zwei Quellenarten: den „Überresten“ und der „Tradition“ (Eggert 2010: 24-44).

Diese Unterteilung ist auch heute noch weithin geläufig, erscheint allerdings nur dann wirklich relevant, wenn man nach den sogenannten „Überlieferungsabsichten“ einer Quelle fragen möchte. Mehr dazu erläutern die Hinweise der Universität Koblenz zur Unterscheidung von Überresten und Traditionen.

Die Überreste: unbeabsichtigt, aber wertvoll

Als Überreste gelten demnach Quellen, die unmittelbar aus einem historischen Ereignis oder einer Epochen hervorgegangen sind, aber nicht explizit zu dem Zweck geschaffen sind, um der Nachwelt überliefert zu werden. Stattdessen sind sie eher „versehentlich übrig geblieben“. Nach dem klassischen Verständnis können Überreste in den folgenden Formen auftreten:

  • Sachüberreste sind zumeist Gegenstände (z.B.: Architektur, Kunstwerke, Handwerksarbeiten)
  • abstrakte Überreste sie sind in aller Regel nicht greifbar, haben aber dennoch ihre Zeit in besonderer Weise geformt (z.B.: Institutionen, Bräuche, Sitten)
  • schriftliche Überreste bzw. Überlieferungen (z.B.: private oder geschäftliche Briefkorrespondenz, Akten, Urkunden, Geschäftsbücher)

Besonders wichtig für die Arbeit mit Überresten sind dabei der Quellenzweck und die Quellenutzung. Denn da sie unbeabsichtigt überliefert wurden, hat ihr Urheber sie nie für eine Nutzung durch die Nachwelt aufbereitet. Entsprechend liefern Überreste in aller Regel keine eigene historische Aussage. Es ist stattdessen Aufgabe des Historikers, eine eigene Forschungsfrage an die Überreste zu stellen und sie damit erst zur Quelle zu machen.

Die Tradition: entstanden, um zu bleiben

Anders als ein Überrest, wird eine Tradition bewusst für die Nachwelt geschaffen. In aller Regel entstehen Traditionen damit in solchen Momenten, von denen eine Gesellschaft denkt, dass sie historischen Charakter haben und für die Nachwelt von Bedeutung sein könnten. Politische Reden oder Ansprachen ebenso wie Biografien und Memoiren zählen daher zu den Traditionen.

Im Unterschied zu den Überresten sind Quellenzweck und Quellennutzung bei einer Tradition deckungsgleich. Gleichwohl verbirgt sich darin auch der entscheidende Nachteil der Tradition. Traditionen wollen schließlich das Denken der Nachwelt immer auf eine bestimmte Art und Weise beeinflussen. Dementsprechend geben sie häufig nur eine Seite der Wahrheit wieder. Man muss sie daher besonders kritisch betrachten.

Überdies zeigt eine Tradition nur das, was ihr Urheber im Moment der Entstehung als wichtig erachtete. Diesen Interessenschwerpunkt müssen Historiker aber nicht notwendigerweise teilen. Im Gegenteil: Unter Umständen interessiert sich ein Forschender gerade für das, was die Tradition eben nicht zeigt. Je nach Thema und Fragestellung muss man dies für die Analyse der Quelle bedenken.

Unterscheidung von Primär- und Sekundärquellen für die Bachelorarbeit oder Masterarbeit

Für die Quellenkunde ist neben der Art der Quellen auch insbesondere deren zeitliche Nähe zum historischen Ereignis bedeutend. Forschende sollten nach Möglichkeit stets mit „Primärquellen“ arbeiten. Diese liegen nämlich, anders als die sogenannten „Sekundärquellen“, in ihrer Entstehungszeit näher an dem zu betrachteten Ereignis.

Eine Primärquelle kann demnach zum Beispiel ein Tagebuch sein, eine Sekundärquelle hingegen eine Autobiografie, die aus einiger zeitlicher Ferne auf bestimmte Ereignisse zurückblickt. Weitere Beispiele zur Unterscheidung von Primär- und Sekundärquellen bieten auch die Hinweise der Universität Regensburg.

Sekundärquellen können speziell dann wichtig sein, wenn eine interessante Primärquelle über die Zeit verloren gegangen ist. Dies ist umso wahrscheinlicher, je weiter die Zeit, die man untersuchen möchte, zurückliegt. Auch wenn eine Primärquelle in einen größeren historischen Kontext gestellt werden soll, können Sekundärquellen von großem Wert sein, da sie die Primärquelle aus einer neuen Perspektive betrachten.

Zu beachten ist dabei aber stets, dass Sekundärquellen bereits fehlerhaft sein können, den Inhalt einer Primärquelle also nicht korrekt wiedergeben können. Hier sollte der Forschende sich aber auch fragen, ob diese Verfälschung, sofern sie bekannt ist, bewusst oder versehentlich herbeigeführt wurde.

Ein sorgfältiger Umgang mit der Quellenkunde ist das A und O einer jeden historischen Arbeit, neben einer guten Literaturrecherche und Literaturverwaltung, einem sauberen Exzerpt der Quelle und einem perfekten wissenschaftlichen Schreibstil.  Die Unterscheidung der Quellengattung gibt dem Forschenden dabei Auskunft darüber, ob die Quelle absichtlich oder unabsichtlich an die Nachwelt überliefert wurde. Diese Einschätzung kann dabei helfen, zu entscheiden wie kritisch der Inhalt der Quelle reflektiert werden muss.
Je näher der Forschende an einem historischen Ereignis sein möchte, umso stärker sollte er mit Primärquellen arbeiten. Sekundärquellen dagegen können, gerade bei Betrachtungen über einen größeren Zeitraum, dazu dienen, Entwicklungsprozesse zu beobachten oder die Primärquelle aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

Literatur

Eggert, Manfred K. H. (2010): “Über archäologische Quellen”, in: Burmeister, Stefan/ Müller-Scheeßel, Nils (Hrsg.): Fluchtpunkt Geschichte: Archäologie und Geschichtswissenschaft im Dialog (Tübinger Archäologische Taschenbücher, Band 9), Münster.

Freytag, Nils/Piereth, Wolfgang (2004): Kursbuch Geschichte: Tipps und Regeln für wissenschaftliches Arbeiten, 3. Auflage Schöningh.

Kirn, Paul (1968): Einführung in die Geschichtswissenschaft, 5. Auflage, fortgeführt von Joachim Leuschner, Berlin.

Droysen, Johann Gustav (1974): Historik: Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte, 7. unveränderte Auflage, herausgegeben von Rudolf Hübner, München.

Weitere Literaturempfehlung

Brandt, Ahasver von (2007): Werkzeug des Historikers: eine Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften, 17. Auflage Stuttgart.

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